Der gemeinsame Gemeindebrief der Ev. Kirchengemeinde Bad Kreuznach und der Matthäus Kirchengemeinde Bad Kreuznach
aktuelle Ausgabe : September bis Dezember 2026

Christus unerkannt
„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ So sagt Jesus am Ende des Matthäusevangeliums (Matthäus 25,40). Hungrige bekommen zu essen, Durstige zu trinken, Fremde werden aufgenommen, Kranke und Gefangene besucht, keine außergewöhnlichen Heldentaten, sondern einfache, konkrete Taten der Mitmenschlichkeit. Das Überraschende: Die Menschen wissen nicht, wem sie begegnet sind. „Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen?“ Sie haben Christus nicht erkannt. Sie haben nicht geholfen, weil sie sich davon religiösen Lohn versprachen. Sie haben einen Menschen gesehen, der sie brauchte. Und gerade darin sind sie Christus begegnet. Christus kommt uns offenbar nicht nur dort entgegen, wo wir ihn erwarten: im Gottesdienst, im Gebet oder in einem feierlichen Augenblick. Er kommt unerkannt – im Menschen, der hungrig nach Brot oder Zuwendung ist; im Fremden, der keinen selbstverständlichen Platz unter uns hat; im Kranken, dessen Welt klein geworden ist; im Einsamen, dessen Abwesenheit kaum jemandem auffällt. Hinter dieser Aussage steht ein alttestamentliches Verständnis von Gerechtigkeit, das tief in der hebräischen Bibel verwurzelt ist. Gerechtigkeit bedeutet dort nicht nur, vor Gott die richtigen Überzeugungen zu haben. Sie beschreibt ein Leben in guten und verlässlichen Beziehungen: zu Gott und zu den Mitmenschen. Gott lieben und den Mitmenschen übersehen – das geht in diesem Verständnis nicht zusammen. Die im Hintergrund des Textes stehenden „Liebeswerke“ sind mehr als das Geben eines Almosens. Sie verlangen den Einsatz der ganzen Person: Aufmerksamkeit, Zeit und Nähe. Diese Haltung können wir nicht delegieren. Wir brauchen Pflegekräfte, Beratungsstellen, Sozialarbeit, Ärztinnen, Therapeuten und diakonische Einrichtungen, das stimmt, ihre Fachlichkeit ist unver zichtbar. Aber sie können uns nicht die Mitmenschlichkeit abnehmen. Hilfe kann man organisieren – Nähe nicht.Jesus fragt ja nicht, was eine zuständige Einrichtung getan hat, sondern spricht jeden Menschen unmittelbar an: „Was ihr getan habt.“ Damit wird der Satz Jesu zu einer gesellschaftlichen Anfrage: Wie gehen wir mit Menschen um, die keine starke Stimme haben? Welche Möglichkeiten erhalten Arme? Wie behandeln wir Fremde? Wie viel Würde gestehen wir Kranken, Pflegebedürftigen, Gefangenen und Einsamen zu? Welche Menschen werden gesehen – und welche verschwinden hinter Zuständigkeiten, Aktenzeichen und Verfahren? Natürlich kann ein Einzelner nicht jedes Problem lösen. Was uns möglich ist, sollen wir tun und das kann sehr verschieden sein: zuhören, anrufen, besuchen, teilen, jemanden aufnehmen, für gerechte Verhältnisse eintreten oder dafür sorgen, dass fachliche Hilfe wirklich ankommt. Und noch etwas verändert sich durch Jesu Satz. Der Bedürftige ist nicht bloß das Objekt meiner Hilfsbereitschaft. In ihm kommt Christus mir entgegen. Der vermeintlich Starke wird selbst zum Empfangenden. Vielleicht zeigt mir der andere etwas, was ich sonst nicht sehen würde: meine eigene Angewiesenheit, die Verletzlichkeit jedes Lebens und die Nähe Gottes an einem unerwarteten Ort. „Wann haben wir dich gesehen?“ Vielleicht ist dies die Frage, die uns durch den Alltag begleiten kann. Wo ist Christus mir begegnet, ohne dass ich ihn erkannt habe? Wo habe ich einen Menschen gesehen – und wo habe ich weggesehen? Christus bleibt unerkannt. Aber der Mensch vor uns soll sichtbar sein.
Manfred Pusch
